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denn wahrscheinlich sind die Hauptbestandtheile des thierischen und pflanzlichen Körpers, die Proteinverbindungen, die zuckerund mehlartigen Stoffe, die Fette, solche, die den grössten Theil der latenten Wärme ihrer Elemente noch enthalten. Was wird aber aus dem Sauerstoff, der in den Substanzen schon vorhanden ist und der, verbunden mit Wasserstoff und Kohlenstoff, sich unter den Verbrennungsprodukten befindet. Hrn. Liebig's Rechnung ist nur dann gerechtfertigt, wenn wir annehmen, dass dieser Sauerstoff sich nur mit Wasserstoff verbinde, und dabei keine Wärme mehr erzeuge, also gleichsam schon als Wasser in der Substanz vorhanden sei. Dass ist aber eine Annahme, die theoretisch unwahrscheinlich ist, und durch die neueren Untersuchungen auch empirisch widerlegt wird. Nach den Versuchen von Favre und Silbermann ist beim Alkohol die Verbrennungswärme ungefähr gleich, bei den einfachen und zusammengesetzten Aetherarten, dem Holzgeist grösser, bei einigen Säuren von sehr hohem Atomgewichte und geringem Sauerstoffgehalte geringer als sie nach Hrn. Liebigs Rechnungsweise sein müsste. Von den Nahrungsmitteln sind keine untersucht, doch lässt sich aus der Angabe für die Stearinsäure, die ein wenig hinter der Verbrennungswärme der freien Kohlen- und Wasserstoffatome zurückbleibt, wohl annehmen, dass sich die meisten Fette eben so verhalten werden. Dagegen folgt für die sämmtlichen Pflanzenstoffe von der Formel C. H„n O„, welche in Traubenzucker und dann mit bedeutender Wärmeentwickelung in Alkoholwerwandelt werden können, dass ihre latente Wärme viel grösser sei als die der 12 At. Kohlenstoff. Es geben nämlich 12 At. Kohlenstoff = 901,44 grm (wenn O = 100 grm) bei der Verbrennung 7283600 Calories. Bei der weinigen Gährung gehen 4 At. als Kohlensäure fort, die übrigen 8 bleiben zurück, verbunden mit H, O, zu 1150,72 grm Alkohol, welche bei der Verbrennung 8265600 geben. Verbrennen wir Traubenzucker unmittelbar, so kommt noch die bei der weinigen Gährung entwickelte Wärme hinzu. Für die von stickstoffhaltigen Verbindungen erzeugte Wärme haben wir bisher gar keine Anhaltspunkte. Wenn also die Versuche von DULoNG und DESPRETz keine vollständige Uebereinstimmung zwischen der abgegebenen Wärme und der nach den Athmungsprodukten berechenbaren ergeben, so wiederspricht dies Resultat der chemischen Theorie der organischen Wärme nicht im mindesten.

Hr. Liebig sucht nun auf zweierlei Weise das Ergebniss dieser Versuche mit seinen theoretischen Ansichten zu vereinigen. Einmal bezweifelt er (Thierchemie S. 34), dass die Thiere in der niedrigen Temperatur des Kastens bei gezwungen ruhiger Stellung ihren eigenen Wärmegrad beibehalten haben. Bei Despretz ist zwar die Temperatur von 7-8° C. nicht so tief, dass die meisten einheimischen Thiere sie nicht ohne Beschwerde in ruhiger Lage ertragen sollten, besonders da sie nicht unmittelbar mit dem Kupfer des Kastens in Berührung, sondern durch Weidengeflechte davon getrennt waren; doch muss Hrn. Liebig's Einwand deshalb als möglich zugegeben werden, weil die Zuleitung der frischen Luft nicht immer schnell genug geschah, so dass die hindurchgetretene bis doppelt so viel Kohlensäure enthielt als die normale Athmungsluft, wodurch erfahrungsmässig die Temperatur der Thiere erniedrigt werden kann.

Dagegen kann ein solcher Einwurf die Versuche von Dulong, 354 welche bei mittlerer Zimmertemperatur angestellt sind, und wo

das Sauerstoffgas in hinreichender Menge zugeleitet wurde, nicht treffen. Zweitens macht Hr. Liebig in dem hier zu besprechenden Aufsatze darauf aufmerksam, dass die Versuche mit zu niedrigen Zahlen für die Verbrennungswärme des Kohlenstoffs und Wasserstoffs berechnet seien, nämlich von Despretz mit den selbst gefundenen Zahlen für 1 grm C. 7912, für 1 grm H. 23460, und von Dulong mit denen Lavoisier's C. 7226, H. 23400, während doch nach den genaueren Bestimmungen von Hess die Verbrennungswärme des Wasserstoffs 34792 sei. Dann stellt er eine theoretische Verbrennungswärme des Kohlenstoffs auf, welche er aus den von DESPRETZ für das Aetheringas, den Alkohol und Aether, und von Hess für den Wasserstoff gefundenen ohne Berücksichtigung der verschiedenen Aggregatzustände nach eben der theoretischen Annahme über die Verbrennung organischer Verbindungen berechnet, welche wir oben widerlegt haben. Er findet im Mittel 8558, und zieht diese den empirischen Bestimmungen vor, weil er die vollständige Verbrennung der angewendeten Kohle und ihre Freiheit

von Wasserstoff bezweifelt. Nun findet er bei der Berechnung der Versuche von Despretz mit C 7912 und H 34792 das Verhältniss der Verbrennungswärme zu der von den Thieren abgegebenen zwischen 82:100 und 102: 100, Mittel 95,25:100; mit C 8558 dagegen zwischen 88,5 und 107,5: 100, Mittel 96,9:100; mit der letzteren Zahl in DulonG's Versuchen zwischen 83,6 und 104,7: 100, Mittel 95,8:100.

Jedenfalls müssen wir die theoretisch gefundene Zahl für den Kohlenstoff zurückweisen, weil sie aus eben der unrichtigen Annahme hergeleitet ist, die damit gestützt werden soll. Ob bei Despretz's Versuchen die neuere Zahl für den Wasserstoff gesetzt werden darf, ist zweifelhaft, da derselbe mit denselben oder ganz ähnlichen Apparaten und Methoden diese bestimmt hat, mit denen er die Versuche an Thieren anstellte; an beiden also dieselben Fehlerquellen haften. Bei Dulong, der fremde Zahlen benutzt hat, wäre diese Rücksicht nicht zu nehmen. Auffallend, und die Genauigkeit der Resultate verbürgend, ist übrigens die nahe Uebereinstimmung der Mittel beider Versuchsreihen bei gleichmässiger Berechnung, und als wahrschein- 355 lichstes Resultat möchte hinzustellen sein, dass die von den Thieren erzeugte und abgegebene Wärme um 20 bis 10 grösser sei als die aus den Respirationsprodukten zu berechnende.

Eine ausführlichere Erörterung der hier besprochenen Verhältnisse und namentlich auch des physiologischen Theils ist von mir im Artikel „Wärme“ des „Encyclopädischen Wörterbuchs der medicinischen Wissenschaften“, herausgegeben von Mitgliedern der Berliner medicinischen Facultät, erschienen und wird in Bd. II dieser Sammlung abgedruckt werden.

Ueber die Erhaltung der Kraft.
Eine physikalische Abhandlung.

Vorgetragen in der Sitzung der physikalischen Gesellschaft zu Berlin

am 23. Juli 1847; erschien zu Berlin bei G. Reimer 1847.

Einleitung. i Vorliegende Abhandlung musste ihrem Hauptinhalte nach hauptsächlich für Physiker bestimmt werden, ich habe es daher vorgezogen, die Grundlagen derselben unabhängig von einer philosophischen Begründung rein in der Form einer physikalischen Voraussetzung hinzustellen, deren Folgerungen zu entwickeln und dieselben in den verschiedenen Zweigen der Physik mit den erfahrungsmässigen Gesetzen der Naturerscheinungen zu vergleichen. Die Herleitung der aufgestellten Sätze kann von zwei Ausgangspunkten angegriffen werden, entweder von dem Satze, dass es nicht möglich sein könne, durch die Wirkungen irgend einer Combination von Naturkörpern auf einander in das Unbegrenzte Arbeitskraft zu gewinnen, oder von der Annahme, dass alle Wirkungen in der Natur zurückzuführen seien auf anziehende und abstossende Kräfte, deren Intensität nur von der Entfernung der auf einander wirkenden Punkte abhängt. Dass beide Sätze identisch sind, ist im Anfange der Abhandlung selbst gezeigt worden. Indessen haben

dieselben noch eine wesentlichere Bedeutung für den letzten 2 und eigentlichen Zweck der physikalischen Naturwissenschaften

überhaupt, welchen ich in dieser abgesonderten Einleitung darzulegen versuchen werde.

Aufgabe der genannten Wissenschaften ist es einmal die Gesetze zu suchen, durch welche die einzelnen Vorgänge in der Natur auf allgemeine Regeln zurückgeleitet und aus den letzteren wieder bestimmt werden können. Diese Regeln, z. B. das Gesetz der Brechung oder Zurückwerfung des Lichts, das von Mariotte und Gay Lussac für das Volum der Gasarten, sind offenbar nichts als allgemeine Gattungsbegriffe, durch welche sämmtliche dahin gehörige Erscheinungen umfasst werden. Die Aufsuchung derselben ist das Geschäft des experimentellen Theils unserer Wissenschaften. Der theoretische Theil derselben sucht dagegen, die unbekannten Ursachen der Vorgänge aus ihren sichtbaren Wirkungen zu finden; er sucht dieselben zu begreifen nach dem Gesetze der Causalität.?) Wir werden genöthigt und berechtigt zu diesem Geschäfte durch den Grundsatz, dass jede Veränderung in der Natur eine zureichende Ursache haben müsse. Die nächsten Ursachen, welche wir den Naturerscheinungen unterlegen, können selbst unveränderlich sein oder veränderlich; im letzteren Falle nöthigt uns derselbe Grundsatz nach anderen Ursachen wiederum dieser Veränderung zu suchen, und so fort, bis wir zuletzt zu letzten Ursachen gekommen sind, welche nach einem unveränderlichen Gesetz wirken, welche folglich zu jeder Zeit unter denselben äusseren Verhältnissen dieselbe Wirkung hervorbringen. Das endliche Ziel der theoretischen Naturwissenschaften ist also, die letzten unveränderlichen Ursachen der Vorgänge in der Natur aufzufinden. Ob nun wirklich alle Vorgänge auf solche zurückzuführen seien, ob also die Natur vollständig begreiflich 3 sein müsse, oder ob es Veränderungen in ihr gebe, die sich dem Gesetze einer nothwendigen Causalität entziehen, die also in das Gebiet einer Spontaneität, Freiheit, fallen, ist hier nicht der Ort zu entscheiden; jedenfalls ist es klar, dass die Wissenschaft, deren Zweck es ist, die Natur zu begreifen, von der Voraussetzung ihrer Begreiflichkeit ausgehen müsse, und dieser Voraussetzung gemäss schliessen und untersuchen, bis sie vielleicht durch unwiderlegliche Facta zur Anerkenntniss ihrer Schranken genöthigt sein sollte.

1) Siehe Zusatz 1.

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